Von höfischer Exklusivität zu bürgerlicher Teilhabe - der Wiener Prater ist ein Sinnbild für die zarten Anfänge der monarchichen Transformation des frühen 18. Jahrhunderts. Kaiser Josef II Erzherzog von Österreich verkörperte seinerzeit den "aufgeklärten Absolutismus". Er erlaubte 1766 nicht nur den Bau von Gasthäusern und Ringelspielen auf streng gehütetem habsburgischem Jagdgebiet, sondern schaffte Leibeigenschaft ab und setzte mit dem Toleranzpatent von 1781 ein Zeichen für Religionsfreiheit. Damit entstand eine nie gekannte Volksnähe, die ihm bei Bauern und Bürgern viel Zuspruch, aber auf Seiten des Adels und den konservativen Bevölkerungsteilen des Landes viel Kritik einbrachte. Joseph der II bleibt eine Schlüsselfigur der Aufklärung in Österreich – verehrt von Reformfreunden, kritisiert von Traditionalisten, so wie der Prater ein Spiegel der Gesellschaft bleibt: vom Jagdrevier der Habsburger über die Weltausstellung 1873 bis hin zum modernen, sich stetig neu erfindenden Vergnügungspark.
Sisi - Zwischen Monarchie, Machtkampf und Mythos. Kaiserin Elisabeth von Österreich - geboren am 24. Dezember 1837 in München als Elisabeth Amalie Eugenie von Wittelsbach - war keine politische Rebellin, aber eine Frau, die in einer Epoche, in der aristokratische Frauen vor allem repräsentieren und für den Thronfolger sorgen sollten, ihre eigene Freiheit suchte. Sie machte durch öffentlich ausgelebte Selbstbestimmung, eremitenhaften Rückzug und das konsequente Durchsetzen ihrer Autonomie auf sich aufmerksam. Damit galt sie zwar als mutige Kämpferin gegen das höfische Korsett, doch ihre existentielle Selbstinszenierung, ihre ausufernden Reisen, ihre übertriebenen sportlichen Aktivitäten, ihr Bildungsdrang und ihr Schönheitswahn brachten ihr beim Adel und dem Volk harsche Kritik ein.
„Der Tod, das muss ein Wiener sein.“
Georg Kreisler
1922-2011
Warum fasziniert Wien der Tod und was findet der Tod an Wien?
Wien und das Morbide, das ist eine ganz eigene Liebesgeschichte. Vom Kult um das Vergängliche zeugen nicht nur zahlreiche monumentale Bauwerke sondern auch der offensive Wiener Schmäh, diesem typischen Humor mit Charme, Ironie, Melancholie und liebevoller Boshaftigkeit. So heißt es zum Beispiel auf dem Werbeslogan des offiziellen Friedhofsshops des Zentralfriedhofs auf T-Shirts - "Hier liegen Sie richtig!“
Auch der Brauch der Habsburger Herrscher, den toten Körper, das Herz und die Eingeweide getrennt voneinander zu bestatten, kokettiert mit Todessehnsucht und Ehrfurcht vor dem Ableben. Man folgte mit diesem Bestattungsritual nicht nur einer religiösen Tradition, politischer Symbolik und dynastischer Selbstdarstellung sondern schafft Raum für mysteriöse Geschichten, die man sich mit Gänsehaut im Kaffeehaus erzählte.
So wird der Leichnam der Kaiserin Elisabeth in der Kapuzinergruft aufbewahrt, ihre Eingeweide in die Herzogsgruft im Stephansdom und das Herz an dem Ort, an dem sie und Kaiser Franz Joseph I. vermählt uwrden, in der Augustinerkirche der Wiener Hofburg.
„Halb sieben Uhr abends in der Wiener Augustinerkirche.
Merkwürdige Zeit für eine Trauung.“
Wer tiefer in die morbide Unterwelt eintauchen möchte, sollte sich den Zentralfriedhof, die Michaelergruft und das Bestattungsmuseum nicht entgehen lassen.
Wien ist eine Stadt, die den Tod nicht verdrängt, sondern ästhetisiert und glorifiziert. Die Einwohner machen aus dem Dunklen Kultur, Humor und Identität, denn sie haben verstanden, dass Vergänglichkeit nicht nur erschreckt, sondern auch schärft, was am Leben schön ist.
Diese charmante Weltuntergangsmentalität wird im Wiener Kaffehaus bei Einspänner und Sachertorte zelebriert.
„Wir sitzen im Kaffeehaus ’rum und erwarten gähnend die Apokalypse.“
Aus touristischer Sicht lässt Wien das Herz eines jeden Besuchers höher schlagen, findet man hier doch die großen vier K des kulturinteressierten, kultivierten, kulinarikliebhabenden Kurzreisenden - Kronleuchter, Kirmes, Kitsch und Kunst im Überfluss. Es gibt weit über 100 Museen zu besuchen, Schlösser, Paläste, Gemächer und Juwelen, den Prater, Nippes und KrimsKrams, Skurriles und Leckeres.
„Es war leiwand, und i werd mi sicher wieder blicken lassen.“
© Sandra Röttges-Paslack 2025